Die Suche nach dem Paradies
(Über die Meuterei auf der Bounty)

Es war der 28. April 1789. Kapitän Bligh fuhr aus tiefem Schlaf auf. Was war das? Stand die Tür offen? Er ließ sie stets nur angelehnt, damit der Offizier der Wache ihn jederzeit erreichen konnte. "Was ist?" frage er in die Dunkelheit und richtete sich auf. Da fiel der Schein einer Laterne durch die offene Tür, und er sah Fletcher Christian vor sich stehen. Er hielt einen kurzen Säbel in der Hand.

"Was ist los, Mr. Christian?" fragte Bligh abermals, nun ungehalten über die Störung und den ungewohnten Auftritt. Christian stieß den Kapitän auf sein Lager zurück und rief. "Rühren Sie sich nicht, Kapitän Bligh, oder Sie sind ein toter Mann!"

Ein ungläubiges Staunen lag auf Blighs Gesicht. Wieso? Was ging hier vor? 
Dann traf ihn der Gedanke wie ein Blitz. Meuterei!" (Sachse, S. 109 f.).

So begann die berühmteste See-Meuterei der abendländischen Geschichte, nämlich die auf dem britischen Handelsschiff ''Bounty''

Das Schiff fuhr im Auftrag der englischen Krone. Es sollte von den Tahiti-Inseln im Pazifik Ableger des Brotfruchtbaumes in die Karibik, Mittelamerika, bringen. Die nahrhafte Frucht dieser Pflanze sollte dort zu Ernährung der Sklaven beitragen.

Die Fahrt nach Tahiti dauerte 10 Monate und war sehr beschwerlich, z. B. weil starke Winde verhinderten, dass das Schiff um Kap Horn herum den kürzeren Weg nehmen konnte. So mussten die Seeleute die Route um das Kap der Guten Hoffnung herum durch den Indischen Ozean nehmen. Es kam zu Spannungen zwischen der Mannschaft und Kapitän Bligh. Bligh, ein exzellenter Seefahrer, war jähzornig und wenig einfühlsam. Während des halbjährigen Aufenthaltes auf Tahiti entstanden zahlreiche und freundschaftliche Kontakte zwischen den Seeleuten und den Eingeborenen, besonders den jungen Damen der Insel. Die Disziplin litt sehr darunter, die Spannung zwischen dem Kapitän und Teilen der Mannschaft verschärften sich.

Zu Beginn der Rückfahrt versuchte Bligh mit harter Hand die Ordnung wiederherzustellen. Da brach die Katastrophe herein: Die Meuterer setzten den Kapitän mit 18 seiner Getreuen in die Barkasse (offenes Beiboot), mit erbärmlich wenig Lebensmittel, einem Kompass und einem Sextanten sowie einigen Waffen und dem Logbuch der Bounty versehen. Das kam fast einem Todesurteil gleich. Doch Bligh vollbrachte eine schier unglaubliche seemännische Meisterleistung. Er führte das völlig überladene Boot 3700 Seemeilen weit bis zur nächsten Siedlung von Europäern, nämlich nach Timor, einer holländischen Siedlung in Indonesien.

2. Auf der Suche nach dem Land des Friedens

Da ist ein Weg, der einem Menschen gerade erscheint, ... (Spr. 14, 12 u. 16, 25)

Wie oft nach Revolutionen meinten die Meuterer, in dem Tyrannen das Haupthindernis zu einem glücklichen Leben los - geworden zu sein. Sie fahren voller Hoffnungen nach Tahiti. zurück. 16 von ihnen entschlossen sich, dort zu bleiben. Sie wurden später durch die Besatzung eines englischen Kriegsschiffes festgenommen.

Der Anführer der Meuterer jedoch und acht seiner Gefährten stachen am 21. September 1789 aus Furcht vor der Todesstrafe, die ihnen aufgrund der Meuterei. drohte, in See. Sie wurden begleitet von 6 eingeborenen Männern und 12 Frauen, zum Teil ihre während des halbjährigen Aufenthaltes in Tahiti kennen gelernten Freundinnen. Ihre Suche galt einer abgelegenen, unbewohnten Insel. Dort hofften sie, den Rest ihres Lebens in Frieden verbringen zu können, ohne je einen anderen Europäer wieder zu Gesicht zu bekommen.

3. Das erhoffte Paradies erweist sich als Land des Schreckens

... aber sein Ende sind Wege des Todes (Spr. 14, 12 u. 16. 25).

Tatsächlich fanden sie nach drei Monaten im weiten Pazifik ein Eiland, das genau ihren Vorstellungen entsprach. Pitcairn war eine Insel mit Wasser, Holz, fruchtbarem Boden und vielen Früchten. Sie war umgeben von vielen Klippen, einer gefährlichen Brandung und hatte keinen guten Ankerplatz. Außerdem war sie auf den damals gebräuchlichen Seekarten falsch eingezeichnet. Hier wähnten sie sich sicherer als irgendwo sonst in der weiten Welt. Die Bounty wurde verbrannt, da mit sie nie in Versuchung kämen, zurück zu segeln.

Trotz der guten landschaftlichen Bedingungen erfüllte sich der Traum von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nicht.

Die Meuterer hatten nicht bedacht, dass sie ihre eigene Bosheit und Schuld mit in das schöne Land brachten. Außerdem erwies sich das Land der Freiheit auf die Dauer als eintöniges Gefängnis.

Christian, der sich sehr nach einem Leben mit seiner geliebten Maimas gesehnt hatte, zog sich oft tagelang in eine einsame Höhle zurück und stierte depressiv auf das Meer hinaus, gequält von Schuldgefühlen und der Vorstellung, Kapitän Bligh und die anderen in den Tod geschickt zu haben.
Die Meuterei auf der Bounty fand im selben Jahr wie die französische Revolution statt. Ähnlich wie die französischen Revolutionäre wurden auch die Bounty-Seeleute, die gegen Unterdrückung und Willkür gemeutert hatten, selber zu Unterdrückern Die Weißen teilten das Land unter sich auf, nahmen jeder eine Frau und ließen die Männer von Tahiti und Tofua für sich arbeiten.

Als eines Tages die Frau eines Weißen tödlich verunglückte, nahmen die Seeleute einem Eingeborenen seine Frau weg und gaben sie dem Verwitweten. Es folgte die nächste Revolte. Diesmal erheben sich die polynesischen Männer gegen die Europäer, bemächtigten sich der Schusswaffen und ermordeten 5 der 9 Europäer einschließlich Fletcher Christian.

Die vier überlebenden Weißen schlugen zurück und tötet ihrerseits die 6 farbigen Männer.

Doch es kam noch schlimmer. Nach vielen Versuchen gelang es einem der ehemaligen Matrosen, Schnaps zu brennen. Drei der vier Meuterer verfielen völlig dem Alkohol und machten den Frauen und den inzwischen geborenen Kindern das Leben zur Qual, so dass diese sich irgendwo in den Bergen verschanzten und mit Waffengewalt verteidigen mussten.

Als einer der Trunkenbolde sich im besoffenen Zustand zu Tode stürzte, schwor sich John Adams, einer der Überlebenden, nie wieder einen Tropfen Alkohol anzurühren, und zerstörte die Geräte für die Schnapsbrennerei. Sein Saufkumpane wollte ihn aus Verdruss darüber umbringen, wurde aber seinerseits von Adams getötet.

4. Der Weg zum Frieden

ER sendet sein Wort und heilt sie (Ps. 107, 20).

John Adams war ein Krimineller, der zur See gefahren war, um der Verfolgung durch die Justiz zu entgehen. Er hatte den Decknamen Alexander Smith angenommen. Nach vielen Wochen der Trennung von seiner Familie aufgrund der Alkoholexzesse in den Wäldern Pitcairns schlich er sich in sein Haus zurück. Er meinte, es würde leer sein. Die Frauen und Kinder wähnte er in ihrem Lager auf den Bergen. Aber als er die Tür öffnen wollte, kam ein kleiner Junge herausgelaufen. Er schrie vor Entsetzen laut auf, als er ihn sah, und schlug lang hin. Adams hob ihn auf, versuchte, ihn zu trösten und frag, wie er heiße. Aber er schrie, als ob er am Spaß steckte. Da stand Sarah, seine Frau, in der Tür. Sie hatte ein Gewehr in der Hand. "Lass das Kind los, du Vieh!" schrie sie.

"Sarah!" rief er entsetzt. "Ich bin's, Alex!" Sie starrte ihn an wie einen Geist.
"Los!" sagte er, "drück ab! Es ist besser so!"

Sie ließ das Gewehr sinken und kam langsam auf ihn zu. "Alex!" sagte sie leise. "Was ist aus dir geworden!"

"Ich will nur meine Axt holen, Sarah," sagte er, "ich gehe gleich wieder. Seit Wochen lebe ich von Wurzeln und Beeren im Wald. Ich kann nicht mehr. . ." Sie trat zu ihm und strich ihm das Haar aus der Stirn. "Komm!" sagte sie. "Nein, lass, Sarah, ich gehe wieder. Ich bin kein Mensch mehr. Hier nimm das Kind. Wem gehört es?" Er gab ihr den Jungen, der still geworden war.

"Es ist George, dein Sohn!" sagte sie und lächelte traurig. "Aber nun komm, wir wollen essen. Du bist heimgekehrt, Alex."

John Adams, genannt Alexander Smith, und der schwerkranke Edward Young waren die einzigen Überlebenden von den 15 Männern, die mit der Bounty nach Pitcairn gekommen waren. Alle anderen waren tot, ermordet oder umgekommen durch eigene Schuld. Das war aus Mr. Christians glücklichem Land geworden, in das er sie führen wollte.

Bei den beiden Männern waren 10 Frauen und 22 Kinder. Tief erschüttert von all dem Scheußlichen, das passiert war, suchten sie nach einem Weg, der endlich zum Frieden auf der Insel führte. Eine Bibel und ein Gebetsbuch, das Mr. Young von der Bounty mitgenommen hatte, wurden ihnen zur entscheidenden Hilfe.

Mr. Young nutzt den Rest an Zeit und Kraft der ihm noch verblieb, um John Adams lesen und schreiben beizubringen. John, nach dem Tod von Mr. Young der einzige erwachsene Mann auf der Insel, arbeitete tagsüber verbissen auf den Feldern, um die Frauen und Kinder zu ernähren. Nacht für Nacht las er in der Bibel. Vieles verstand er zunächst nicht, aber nach und nach gingen ihm die Augen auf. Er sah, dass es eine Möglichkeit gibt für jeden Menschen, zu Gott umzukehren und mit ihm zu leben, und sei er noch so arm und von aller Welt verlassen.

Täglich trafen sich die Leute von Pitcairn jetzt zum Gebet. John Adams berichtete: "Ich richtete das Wort Gottes vor ihnen auf wie ein Haus, langsam, Stein auf Stein. Es war ein mühsames Werk, aber es machte mich glücklich wie nichts zuvor in meinem Leben. Ich lehrte sie lesen und schreiben und ein Leben nach der Heiligen Schrift. Ja, das tat ich, John Adams, ein unwissender Matrose. Denn es steht geschrieben: So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. Wie tief ein Mensch fallen kann, das habe ich an mir selbst erlebt. Doch keiner fällt so tief, dass er für Gottes Gnade unerreichbar wäre. Auch das habe ich erfahren."

Langsam wichen die Schrecken der Vergangenheit aus ihren Seelen. Die Angst schwand aus ihren Augen und machte der neuen Hoffnung Platz. Das Licht hatte die lange Nacht besiegt.

5. Die Situation heute

Die Güte des Herrn ist von Ewigkeit zu Ewigkeit über die, welche ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskinder hin" (Ps. 103, 17).

Heute leben noch 54 Nachkommen der Meuterer auf Pitcairn (Stand 1989). Viele habe die ca. 2,5 km lange und 1,5 km breite Insel wegen Überbevölkerung verlassen. Noch immer sind die Insulaner tiefgläubige, gottesfürchtige Menschen. Kriminalität ist für sie ein Fremdwort. Es existiert zwar ein Gefängnis, dessen Bau vor 100 Jahren von der englischen Regierung veranlasst wurde, doch bis zum heutigen Tag wurde es nicht ein einziges Mal benutzt. Ein Journalist, der die Insel 1989 besuchte, bemerkte dazu. "So gesehen erscheint uns zivilisationsgewohnten Menschen das Leben auf Pitcairn wie im Paradies" (Yacht 11/89, 5. 33).

6. Schlussfolgerungen

Es ist dir gesagt, o Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott" (Amos 6, 8, nach Luther).

Die Geschichte der Bounty-Meuterer zeigt.

  • Auf einer schlimmen Tat lässt sich nichts Gutes aufbauen. Was der Mensch sät, das wird er ernten.
  • Kein Mensch kann so tief fallen, dass er für Gottes Gnade unerreichbar wäre. Das Evangelium vom gekreuzigten und auferstandenen Herrn Jesus kann auch den verkommensten Menschen ändern.
  • Ein Land des Friedens ist nicht in erster Linie abhängig von äußeren Bedingungen, sondern von veränderten‚ gereinigten Herzen. Es entsteht weder auf einer idyllischen Südseeinsel noch in einer "freien" Gesellschaft ohne "Unterdrückung", sondern dort, wo man sich Gottes Herrschaft unterordnet.
  • Gottes Wort, die Bibel, vermag den Weg zu zeigen zu einem glücklichen und friedlichen Zusammenleben.

Gerrit Alberts

Quellen:
Sachse, Günter, Die Meuterei auf der Bounty, München 1989

Löffler, Yörk, Landfall auf Pitcairn - Die Enkel der Bounty