Zweifeln, ohne zu verzweifeln
Warum zweifelte Johannes der Täufer?

Es gibt Zeiten im Leben, in denen wir verunsichert sind und uns Zweifel überkommen. Dann haben wir oft mehr Fragen als Antworten. Auch Starke kommen in Situationen, in denen sie schwach sind. Mutige sind nicht immer tapfer, Kluge wissen mal nicht weiter und Heitere sind nicht immer fröhlich. Das geht gläubigen Christen nicht anders.
Auch in meinem Leben gab es immer wieder Zeiten, in denen meine Fragen unbeantwortet blieben und Zweifel an mir nagten: Bin ich noch auf dem richtigen Weg, der mich zum ewigen Ziel führt? Ist Gott noch bei mir? Interessiert es ihn überhaupt, wie es mir geht? Ist meine Schuld wirklich vergeben? Auch die Sünden, die mir schon mein Leben lang anhängen und die ich einfach nicht losbekomme? Dann wird mir deutlich, dass ich ein schwacher Mensch bin und mein Glauben ganz von Gottes Gnade abhängig ist.

Die Bibel berichtet uns von einer Begebenheit, die mich etwas verwundert hat. Wir finden sie im Evangelium des Lukas, Kapitel 7, 18-23. Da wird uns von Johannes, genannt "der Täufer", berichtet. Er sandte zwei seiner Mitarbeiter zu Jesus, um zu fragen: "Bist du der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?" Ausgerechnet Johannes, der schon im Mutterleib mit Heiligem Geist erfüllt war. Der vom Herrn lange Zeit in der Einöde auf seinen Dienst vorbereitet wurde. Er, dem Gott selbst gezeigt hatte, dass Jesus der kommende Erlöser ist. Der den Geist Gottes auf Jesus herabkommen sah und Gottes Stimme hören konnte - gerade er stellt diese Frage.

Johannes hat mutig und wirkungsvoll seinen Auftrag erfüllt, das Volk zur Umkehr zu bewegen. Er sollte es auf das Kommen des lange angekündigten Messias vorbereiten. Doch nun saß er im Gefängnis. Nicht, weil er eine Straftat begangen hätte, sondern weil er es gewagt hatte, den König auf seine Sünden hinzuweisen.

"Jesus gab ihnen zur Antwort: Geht zu Johannes und berichtet ihm, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote werden auferweckt, Armen wird gute Botschaft verkündigt." Jesus lässt ihm nicht einfach ausrichten: "Ja, ich bin es." Das hätte jeder von sich behaupten können. Und wie wir aus der Geschichte wissen, gab und gibt es solche Männer immer wieder. Das hätte Johannes nicht geholfen.

Als Sohn eines Priesters war Johannes mit der Heiligen Schrift vertraut. Er kannte die vielen Vorhersagen, die Gott durch seine Propheten über den Messias gegeben hatte. Allein im Buch Jesaja findet sich eine Vielzahl von Ankündigungen der Wunder, die der kommende Erlöser tun wird: Blinde sehen, Taube hören, Lahme können gehen, Tote werden auferstehen und Elenden wird gute Botschaft verkündet. Die Jünger des Johannes waren Augenzeugen dieser Zeichen, die Jesus getan hat, und haben ihm davon berichtet. Warum war Johannes trotzdem verunsichert? Es war wohl nicht das, was er von Jesus und seinen Taten gehört hat. Eher das, was er nicht über ihn gehört hat! Heißt es nicht auch, dass er die Gefangenen aus dem Gefängnis holen und aus dem Dunkel befreien wird? Doch Johannes saß im Kerker; eingesperrt ohne Urteil und ohne Hoffnung auf Freiheit. Das zehrte an seinen Kräften. In der Länge liegt bekanntlich die Last. Und die Ankündigung, dass der kommende Erlöser Recht und Ordnung wiederherstellen und eine ewige Herrschaft antreten wird? Doch nun wirkte Jesus nicht einmal in der Königsstadt Jerusalem, sondern im weit entfernten Kapernaum in Galiläa. Johannes zweifelte nicht daran, dass der Messias alle Weissagungen erfüllen wird. Doch was er hörte, entsprach nicht dem, was er erwartet hatte. Das hat ihn verunsichert.

Manchmal werden wir unsicher und bekommen Zweifel, auch im Glauben. Dafür kann es ganz verschiedene Gründe geben. Auch ich bin mir sicher, dass der Herr alle seine Zusagen treu und zuverlässig erfüllen wird. Trotzdem habe ich Zeiten der Ungewissheit über Gottes Handeln. Das ist keine Sünde, daran müssen wir nicht verzweifeln!
Johannes blieb nicht bei enttäuschtem Grübeln. Er wandte sich mit seiner Frage an Jesus! Bei ihm bin auch ich richtig, wenn ich Gottes Handeln nicht verstehe. Wenn ich traurig oder mutlos werde. Wenn ich ängstlich bin und nicht weiß, wie es weitergehen wird. Oder wenn ich enttäuscht bin, weil sich meine Erwartungen mal wieder nicht erfüllen. Ich kann mich darauf verlassen, dass der Herr seine Versprechen einhält. Er wird mein Vertrauen nicht enttäuschen. Gerade in schwierigen Zeiten tröstet mich seine Zusage aus Jesaja 42,3: "Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen; …"
Deshalb möchte ich auf Jesus warten - und auf keinen anderen.